Ein Segelflugschüler mit russischem Pass und Wohnsitz in Deutschland hier.
Ich bin in Deutschland emigriert, weil ich die Politik von Putin nicht unterstützte, ihn nie gewählt habe und nicht in dem von diesem Mann regierten Land leben wollte. Hier lebe ich schon seit vielen Jahren, besitze eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, beherrsche fließend die deutsche Sprache, arbeite seit meinem ersten Tag hier und zahle Steuern an Deutschland, nicht an Russland. In Russland bin ich zum letzten Mal vor mehr als 5 Jahren gewesen. Die Verbrechen des Putin-Regimes in der Ukraine verurteile ich zutiefst, nehme seit Kriegsbeginn an Spendenaktionen teil, um den Menschen in der Ukraine zu helfen, und engagiere mich ehrenamtlich als Übersetzer für ukrainische Flüchtlinge. Mehr kann ich nicht tun.
Russische Staatsbürgerschaft würde ich gerne abgeben, darf aber noch nicht, weil es meine einzige Staatsbürgerschaft ist und ich leider noch nicht lang genug in Deutschland lebe, um deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.
Klar, es gibt viele, die Putin unterstützten, aber die Vorwürfe gegen alle Russen und Befürwortung von Kollektivschuld, die ich seit dem Kriegsbeginn schon mehrmals begegnet bin, machen mir Angst. Mit so einer Verallgemeinerung kann ja auch ich als Nachfahre einer jüdischen Familie, die im Zweiten Weltkrieg fast zerstört wurde, genauso gut alle Deutschen hassen, unabhängig von der persönlichen Beteiligung an Holocaust. Ich tue es aber nicht, weil es absurd ist und nur mehr Hass auslösen würde.
Ich weiß nicht, inwiefern die Verbrechen der russischen Armee und Verhalten der Putins-Unterstützern meine Schuld sind. Noch weniger kann ich nachvollziehen, wie ein Flugverbot in Bezug auf mich in der Ukraine-Krise hilfreich sein soll. Ja, die Sanktionen sind wichtig und richtig – in einem Rechtsstaat kann und muss man aber differenzieren, gegen wen diese Sanktionen gerichtet sind und ob die aufgrund von Sanktionen erteilten Verbote dem Sinn und dem Zweck von Sanktionen dienen.
Es gibt, zum Beispiel, auch Sanktionen gegen Schiffe, die unter der Flagge Russlands fahren, oder russischen Staatsbürgern gehören, oder von russischen Staatsbürgern gechartert werden - solche Schiffe dürfen europäischen Gewässern und Hafen nicht anlaufen. Aber: das gilt nur für jene Schiffe, die länger als 15 Meter sind. Russische Frachtschiffe und Luxus-Yachten von russischen Oligarchen sind davon betroffen, kleine Boote von Privatpersonen aber nicht. Man könnte solche Regel auch im Luftfahrt anwenden und die Flugverbote nicht ausschließlich von der Staatsangehörigkeit des Piloten, sondern auch vom Startgewicht bzw. Länge des Flugzeugs abhängig machen.
Oder nehmen wir zum Beispiel mich. Ich bin Segelflugschüler – das könnte gleich von Sanktionen ausgeschlossen werden, weil Segelfliegen per se gar nichts mit russischen Fluggesellschaften, Luxus-Jets, Oligarchen usw. zu tun hat. Darüber hinaus kann ich mir nicht vorstellen, wie eine Fluggesellschaft oder ein Oligarch das Segelfliegen verwenden könnte, um die Sanktionen umzugehen. Das Flugverbot ist in diesem Fall offensichtlich sinn- und zwecklos.
Es scheint, dass niemand an die Privatpiloten gedacht hat, als die Bestimmungen von Sanktionen in aller Eile verfasst wurden. Wie man sieht, es ist nicht nur möglich, sondern auch ganz einfach, die Sanktionen so anzupassen, dass diese die Unbeteiligten, die sich legal in der EU aufhalten, nicht betreffen. In den USA hat man den Fehler schnell erkannt und korrigiert.
Die zuständigen Behörden der EU dagegen schweigen oder geben abfällige Antworten. Es sieht so, als würde sich keiner von Entscheidungsträgern dafür interessieren, irgendetwas zu ändern – das BMDV verweist auf EASA, und die EASA ignoriert einfach alle Kontaktversuche bzw. Anfragen zu diesem Thema.
Außerdem, als ein Bekannter von mir (Privatpilot mit doppelter EU/RU Staatsbürgerschaft) einen Vertreter von EASA beim Aero in Friedrichshafen darauf angesprochen hat, wurde er mit offener Missachtung behandelt. Auf ungehobelte Art und Weise behauptete der EASA-Mann, er habe „wegen des Kriegs“ keine Zeit dafür, über das Thema zu sprechen. Für alle anderen Besucher hatte er aber alle Zeit der Welt, und der Krieg war plötzlich kein Hindernis mehr. Solches Verhalten seitens einer EU-Behörde finde ich inakzeptabel.
[Beitrag im Zusammenhang lesen]